über strafloses Fehlverhalten

Stell dir vor du gehst in einen Laden, nimmst etwas aus dem Regal und steckst es in deine Tasche. Dann verlässt du den Laden - aber halt! Die Eigentümerin spricht dich an: “Sie haben nicht bezahlt!”. Also gehst du zur Kasse und zahlst.

Was ist an dieser Geschichte falsch? Du hast eine Recht verletzt (das Eigentumsrecht der Drogerie) und wurdest dabei erwischt. Die Eigentümerin hat ihr Recht geltend gemacht und der Verstoß wurde durch dein Bezahlen ausgeglichen. In der Realität würde dein Fehlverhalten sanktioniert. Du bekämst Hausverbot, müsstest eine Pauschalstrafe der Drogerie zahlen und würdest wegen Ladendiebstahls angezeigt und wahrscheinlich verurteilt werden.

In der Geschichte oben hatte deine Missachtung des (Eigentums-)rechts jedoch keine negativen Konsequenzen für dich. In der Spieltheorie ist der Erwartungswert (dein Gewinn, wenn du den Vorgang unendlich oft wiederholst) positiv. Du könntest entweder eine Parfüm gewinnen, falls du nicht entdeckt wirst, oder, im Fall des Entdeckung, nichts gewinnen aber auch nichts verlieren. In diesem Fall ist sogar das Verlustrisiko null, nicht weil es kein Risiko gibt entdeckt zu werden, aber weil es keinen Verlust im Falle einer Entdeckung gibt. Solche Spiele mit positiver Gewinnerwartung lohnen sich immer für die Spielerin aber nie für den Veranstalter weshalb es solche Spiele weder im Spielkasino noch auf dem Rummel gibt.

In der Arbeitswelt gibt es solche Spiel ständig, spielen können sie aber nur die Arbeitgeber. Ein gutes BeiSpiel ist dafür § 4 BUrlG.

Der volle Urlaubsanspruch wird
erstmalig nach sechsmonatigem
Bestehen des Arbeitsverhältnisses
erworben.

Ein Teil der Arbeitnehmer kennen diesen Rechtsanspruch nicht. Wenn die Arbeitgeberin den Anspruch nicht automatisch berücksichtigt entsteht ein Gewinn für sie in Form von gesparten Urlaubstagen also mehr Arbeit für das gleiche Geld. Ein weiterer Teil der Arbeitnehmer kennen den Anspruch, machen ihn aber aus Gründen nicht geltend. Der nächste Teil der Arbeitnehmer macht ihn geltend aber die Arbeitgeberin gewährt das Recht nicht. Und nur einige Arbeitnehmer werden eine schriftliche Ablehnung fordern, sich an den Betriebsrat wenden (wenn er existiert), eine Anwältin einschalten, kurz gesagt, ihr Recht erstreiten. Nur die bekommen irgendwann die ihnen zustehenden paar Tage Urlaub oder einen finanziellen Ausgleich dafür.

Und die Arbeitgeberin? Wenn sie darauf verzichtet es auf einen Prozess ankommen zu lassen hat sie nicht mal Anwaltskosten. Dieser Vorgang erfüllt sämtliche Kriterien eines Spiels mit einer positiven Gewinnerwartung. Dumm wer es nicht spielt, geradezu fahrlässig für jede gewinnorienterten Arbeitgeberin. Denn obwohl von Anfang an feststand, dass der Arbeitnehmer das Recht auf den vollen Jahresurlaub hat, wenn er länger als ein halbes Jahr beschäftigt ist, verletzt die Arbeitnehmerin wissentlich dieses Recht und lässt es drauf ankommen, ob der frisch eingestellte Arbeitnehmer das Recht einfordert, denn es gibt kein Verlustrisiko, keine Saktion dieses Verhaltens. Man kann nur gewinnen.

Wie könnte eine Lösung aussehen? Muss das Fehlverhalten sanktioniert werden? Ist in einer Wettbewerbssituation denkbar ein Konsenz zu treffen auf Spiele mit positiver Gewinnerwartung jedoch zu Lasten des Arbeitnehmers zu verzichtet?

Ber, Jena -34 2017